Revolution

Samariterkirche

Die Samariterkirche aus rotem Backstein seht auf einer Verkehrsinsel. Sie wird umrahmt von Häusern und Bäumen.

Die Samariterkirche, 2022.

Viele Menschen stehen vor der Samariterkirche.

Vor der Samariterkirche am Tag des Klagegottesdiensts, 28. Juni 1989.

SAMARITERKIRCHE

Trauer und Protest in der Samariterkirche

Anfang Juni 1989 schlägt die chinesische Armee die Demokratiebewegung auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking nieder. Das schürt Ängste in der DDR – und Protest.

DIE GESCHICHTE HÖREN

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Weiße Nelken sind in China ein Zeichen für Trauer. Am 28. Juni 1989 sind sie das auch in Ost-Berlin. Am Eingang der Samariterkirche verteilen Freiwillige die Blumen an die vielen Menschen, die zum Klagegottesdienst kommen. Gut drei Wochen zuvor haben in Peking Panzer des kommunistischen Regimes die gewaltlosen Kundgebungen auf dem Platz des Himmlischen Friedens, dem Tian'anmen-Platz, brutal niedergewalzt. Viele Pekinger haben sich verzweifelt gewehrt, Tausende den Ruf nach Freiheit und Demokratie mit dem Leben bezahlt. Die Schockwellen erreichen die DDR. Die herrschende Staatspartei SED rechtfertigt die Gewalt. Auch zu Hause müsse die Jugend den Sozialismus verteidigen, "wenn nötig, mit der Waffe in der Hand", droht Bildungsministerin Margot Honecker.

Die Wenigen, die sich in der DDR offen gegen die Diktatur stellen, fürchten seitdem eine "chinesische Lösung". Wer vor der Botschaft der Volksrepublik China versucht, seinen Protest auszudrücken, wird von Sicherheitskräften abgefangen. Als bekannt wird, dass in China die ersten Todesurteile gegen Demonstrierende vollstreckt werden, zeigt die gelenkte DDR-Presse Verständnis. Manche Oppositionelle gehen daraufhin zu noch sichtbareren Aktionen über.

In der Samariterkirche in Berlin-Friedrichshain bietet Pfarrer Rainer Eppelmann schon seit zehn Jahren Freiräume für Unangepasste. Auch leistet er selbst Widerstand gegen das SED-Regime. Nun lädt er mit anderen Pfarrern zum Klagegottesdienst. Die 1.100 Sitzplätze in der Samariterkirche reichen nicht aus, hunderte Weitere stehen oder sitzen auf dem Boden. Eppelmann verliest mit Kollegen den Ablauf der Ereignisse in China. Sie stellen dabei Meldungen aus DDR-Zeitungen solchen aus dem Ausland gegenüber. Ihre Schlussfolgerung: "Die Medien der DDR sind nicht willens, über die Vorgänge in China wahrheitsgemäß zu berichten." Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer unterzeichnen einen offenen Brief an die "Freunde in China": "Wir wissen, daß die Gewalt nicht von Euch ausgegangen ist und daß auf friedliche Bürger geschossen wurde. [...] Seid gewiß, daß es auch in der DDR viele Menschen gibt, die mit Euch trauern, Euren Zorn und Eure Angst teilen – aber auch die Hoffnung auf einen demokratischen Sozialismus."

An diesem Tag stehen Mannschaftswagen mit Uniformierten rund um die Samariterkirche. Volkspolizisten beobachten Kirchgänger misstrauisch, greifen aber nicht durch. Die Staatsgewalt begnügt sich mit Einschüchterung. Im Herbst 1989 wird sie hunderte Demonstrantinnen und Demonstranten festnehmen und misshandeln. Doch zur befürchteten "chinesischen Lösung" kommt es nicht. Die DDR-Führung hat Skrupel, auf die eigene Bevölkerung schießen zu lassen. Weil der Protest friedlich bleibt, fehlen ihr Anlass und Rechtfertigung.

SAMARITERKIRCHE

Zeitzeuginnen und Zeitzeugen berichten

China schlägt im Juni 1989 den Protest der Demokratiebewegung auf dem Platz des himmlischen Friedens blutig nieder. Auch in der DDR verbreitet sich die Angst vor der Staatsgewalt. Pfarrer Rainer Eppelmann organisiert in der Samariterkirche einen Trauergottesdienst. Wie er berichtet, hätte das sehr gefährlich werden können.

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Intro
Wan-Hsuan Yao-Weyrauch über die chinesische Demokratiebewegung.
Rainer Eppelmann hat Angst vor einer Eskalation wie in China.
Rainer Eppelmann hört von Einsatzvorbereitungen der Volkspolizei.
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Samariterkirche

Im Juni 1989 schlagen die chinesischen Machthaber den Protest für Öffnung und Demokratie auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking blutig nieder. Mehrere tausend Menschen werden dabei getötet, Tausende weitere verletzt. Pfarrer Rainer Eppelmann veranstaltet in der Samariterkirche in Berlin-Friedrichshain einen Solidaritätsgottesdienst für die Opfer. Die Oppositionellen in der DDR haben Angst, dass auch ihr Protest blutig enden könnte.

ZEITZEUGIN

Wan-Hsuan Yao-Weyrauch

Mit ihrem westdeutschen Ehemann spricht Wan-Hsuan Yao-Weyrauch über die Aussichten der chinesischen Demokratiebewegung.

"Ich habe schon gewusst, dass es dazu kommen würde. Ich hatte noch mit meinem Mann drüber diskutiert. Er war sehr optimistisch und sagte: 'Keine Regierung wird auf das eigene Volk feuern.' Und ich habe gesagt: 'Mao hatte einen Spruch: Die Macht kommt aus dem Gewehrläufen.' Ja, ich habe schon geahnt, dass es dazu kommen würde. Aber natürlich habe ich es nicht gehofft und nicht gewünscht."

ZEITZEUGE

Rainer Eppelmann

Pfarrer Rainer Eppelmann erinnert sich, wie Egon Krenz, der spätere Staatschef der DDR, die chinesischen Genossen für das Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens lobt. Er sorgt sich daher, dass ähnliches auch in der DDR geschehen könnte.

"Egon Krenz bejubelte, auf welche hervorragende, überzeugende Art und Weise die chinesischen Genossen ihre streikenden, demonstrierenden Studenten auf dem Platz des Friedens kaputtmachten. Krenz lobte sie öffentlich dafür. Wenn er das wenigstens heimlich gesagt hätte: 'Genossen, wir freuen uns, dass ihr da so erfolgreich wart.' Aber nein: Am nächsten Tag stand im Neuen Deutschland, wie ihn die chinesischen Genossen beglückt hatten. Uns war klar: Der träumt davon. Im Notfall müssen wir so einen Protest in der DDR dann eben auch machen. Trotz der Hoffnung, das können die in Mitteleuropa nicht machen, was sie im fernen Osten von Asien machen. Ganz sicher waren wir uns natürlich nie."

ZEITZEUGE

Rainer Eppelmann

Am Tag des Gottesdienstes für Peking steht ein Lastwagen voller Pflastersteine hinter der Samariterkirche. Rainer Eppelmann erfährt erst später, dass die Volkspolizei auf ein Einschreiten vorbereitet ist.

"Ich kann mich erinnern: Wir haben in der Samariterkirche den einzigen Solidaritätsgottesdienst mit chinesischen Studenten gemacht. Also nicht bloß die Samaritergemeinde, sondern gemeinsam mit anderen Berliner Gemeinden und der chinesischen Mission in der Georgenkirchstraße in Berlin. Wir hatten dann Texte, chinesische Buchstaben und eine besondere Blume, die für sie in irgendeiner Weise Bedeutung hatte. Weiß nicht mehr, was das genau war. Riesengroße Blumen waren das. "Die standen dann so lange, bis sie verblühten, in der Kirche, wo wir mit Absicht nur das Kirchengitter zugemacht haben, aber nicht die Kirchentür, sodass jeder der vorbeikam das immer sehen konnte. Zu diesem Gottesdienst, das ist mir hinterher erzählt, glaubhaft versichert und gezeigt worden, wir selbst haben das gar nicht gemerkt, stand hinter unserer Kirche, die in so einem Rondell ist, umgeben von Straßen, wie so eine kleine Straßeninsel, ein Armeeauto, das vollgefüllt war mit Pflastersteinen. Die Kirche liegt in einem Rondell und ist, umgeben von Straßen, wie eine kleine Straßeninsel. Also auch da ist Planung gewesen: Notfalls, wenn da irgendwas passiert, greifen wir ein. Dann hätten da ein paar Chaoten randaliert oder so." 

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10247 Berlin
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